
The Modern Family: Steigende Lebenshaltungskosten und ihre Auswirkungen
Steigende Lebenshaltungskosten und ihre Auswirkungen
Explodierende Energiekosten, weltweite Nahrungsmittelknappheit, steigende Inflation, Leistungskürzungen, hohe Wohnkosten, angespannte Haushaltsfinanzen und die anhaltenden Nachwehen einer weltweiten Pandemie haben auch Deutschland in eine Lebenskostenkrise gestürzt. Da die Kosten zur Befriedigung von Grundbedürfnissen weiterhin schneller steigen als das Durchschnittseinkommen, haben Familien zu kämpfen. Die Auswirkungen der Lebenshaltungskostenkrise sind nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern haben auch enorme soziale und psychische Folgen.
Für zahllose Familien fühlen sich die Meilensteine im Leben, Studium, Karriere, Heirat, Kinder, Kauf eines Eigenheims und Ruhestand, eher nach Backsteinen in der eigenen Tasche an, die es mitzuschleifen gilt.
Studium
Der Besuch einer Universität ist für viele junge Menschen ein wichtiger Schritt im Leben. Nach der bereits schweren Pandemie Zeit mit wenig verfügbaren Studierendenjobs, warnen nun erste Studienberatungsstellen vor einem drohenden Anstieg an Studienabbrüchen als Folge der Inflation. Während Lebenshaltungskosten weiter steigen, stoßen viele Studierenden an die Grenzen ihrer finanziellen Ressourcen.
Unterstützung von zu Hause, Bafög und co. reichen kaum noch. Zwei Drittel der Studierenden haben Probleme, ihre Mieten zu bezahlen, und fast drei Viertel haben sich von ihrer Familie Geld geliehen, um über die Runden zu kommen.
Erst die soziale Isolation während der Pandemie, dann zusätzliche finanzielle Belastung. Nach den Strapazen der letzten Jahre ist es wenig verwunderlich, dass 60% der Studierenden angaben, auf Grund von psychischer Belastung mit der Bewältigung ihres Studiums zu kämpfen.
Die Leichtigkeit des Studierendenlebens ist Vergangenheit. Das Studienleben der meisten ist von Isolation, Verzicht und hoher Belastung durch zusätzliche Arbeit geprägt.
Karriere
Karrierewege ändern sich. Aktuelle Krisen und einhergehenden Zukunftsängste, haben rund 26% der deutschen Arbeitnehmer*innen in den letzten zwei Jahren zu einem Berufswechsel getrieben. Zu wenig Bezahlung, zu viel Stress, keine Aufstiegschancen.
Seit 2003 hat sich auch die Zahl der Erwerbstätigen mit Mehrfachbeschäftigung, also mit mindestens zwei Jobs, verdoppelt. Gerade in den letzten Jahren zog die Zahl der Mehrfachbeschäftigten an. Die Gründe sind dabei eindeutig. Mehr als 50% haben Sorge, ohne zusätzlichen Job nicht über die Runden zu kommen. Zusätzliche Arbeit kann sich stark auf die Work-Life-Balance auswirken. Es besteht nicht nur ein höheres Burnout-Risiko, sondern es erschwert auch die Wahrnehmung von Aufstiegschancen. Dennoch ist dies eine Entscheidung, die viele treffen müssen.
Vor allem Frauen sind finanziell stark belastet. Laut The Living Wage Foundation sind dreimal so viele Frauen wie Männer teilzeitbeschäftigt, und ein Fünftel der Frauen wird unterhalb des existenzsichernden Lohns bezahlt. "Frauen sind normalerweise in Teilzeitstellen überrepräsentiert, aber jetzt müssen sie mehr Stunden arbeiten, um zu überleben. Dies hat enorme Auswirkungen auf die Beziehungen, die psychische Gesundheit und die Freizeit, da auch die Betreuungsaufgaben größtenteils auf ihren Schultern lasten", sagt Annette Heslop vom Nationalen Frauenausschuss.
Für viele Familien steht heute das Geldverdienen im Vordergrund und nicht die Zufriedenheit am Arbeitsplatz, die Ausbildung oder der Aufstieg auf der Karriereleiter.
Liebe und Ehe
Die Krise der Lebenshaltungskosten zwingt viele auch dazu, ihr Liebesleben zu überdenken. Ein Sexualbericht von Hims ergab, dass die steigenden Lebenshaltungskosten für 42% der Befragten der wichtigste Faktor sind, der ihr Liebes- und Sexualleben beeinträchtigt. 13% gaben sogar zu, dass sie sexuelle Beziehungen ganz aufgeben würden, weil "die Dinge angesichts des wirtschaftlichen und politischen Klimas schon kompliziert genug sind." (For Hims, Sex Report, 2023)
Romantisches Ausgehen hat einen Preis, der für viele derzeit zu hoch ist. Die Dating-App Bumble hat herausgefunden, dass mehr als ein Viertel der Menschen ihr Dating-Leben jetzt strengeren Kostenbegrenzungen unterwirft. Fast die Hälfte wählt bescheidenere Orte für Dates, um finanziellen Druck zu mindern.
Wenn man Glück hat und eine*n Partner*in gefunden hat, kostet eine Hochzeit heute durchschnittlich 6.000-30.000 Euro in Deutschland. Das ist in den besten Zeiten eine stolze Summe, aber im derzeitigen Wirtschaftsklima eine erhebliche Kostenbelastung. Die Heiratsraten sind rückläufig: 26% der Paare spüren die Auswirkungen der steigenden Kosten und entscheiden sich für weniger aufwendige Hochzeiten, verschieben oder sagen ihre Hochzeit ganz ab.
Auf der anderen Seite treiben die steigenden Lebenshaltungskosten einige Paare sogar dazu in Beziehungen zu bleiben, die sie ohne die drohenden finanziellen Bürden verlassen hätten. Mit dem*der Partner*in zusammenzuleben senkt eben die Kosten.
Leider ist dies bei Opfern häuslicher Gewalt besonders folgenschwer. Zahlen von Women's Aid zeigten kürzlich, dass 73% der Frauen angaben, die Wirtschaftskrise habe es ihnen erschwert, ihrer Situation zu entfliehen.
Kinderwunsch
Erst kommt die Liebe, dann die Ehe - und danach der Kinderwagen? Nicht unbedingt.
In ganz Europa zeichnet wurden Pläne der Familiengründung aufgeschoben oder sogar ganz aufgegeben. Auch wenn in Deutschland der Trend eher in zum Verschieben der Kinderpläne ging, hielten nur 30% der Paare an ihren Familienplänen von vor Beginn der Pandemie fest.
Aktuell ist bereits jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet. Eine Zahl, die in aktuellen Krisenzeiten nur zu steigen droht.Kinder aus armutsgefährdeten Familien sehen sich dabei früh im Leben mit Mangel, Verzicht und Scham konfrontiert. Ihre Chancen auf Aufstieg und eine Besserung ihrer Verhältnisse sind oft gering. Sozialleistungen reichen nicht aus, besonders Unterstützung für bessere mentale Gesundheit, Mobilität und Zugang zu sozialen Aktivitäten fehlt.
Die Folgen sind weitreichend: geringere Beschäftigungsmöglichkeiten für die Eltern, geringere Bildungschancen für die Kinder und mehr Stress für die Familien.
Auswirkung auf Kinder
Während viele die Auswirkungen der gestiegenen Lebenshaltungskosten bereits zu spüren bekommen, dürfen die langfristigen Folgen für die Jüngsten der Gesellschaft nicht außer Acht gelassen werden. Laut CPAG berichten Kinder, die in Armut leben, häufig, dass sie sich ausgegrenzt und beschämt fühlen, und sehen in der finanziellen Situation ihrer Familie den Grund dafür. Armut wirkt sich auf alle Lebensbereiche eines Kindes aus: auf das Zuhause, die Schule, Freundschaften und vieles mehr.
Wenn Familien darum kämpfen, über die Runden zu kommen, können Kinder Stress, Angst und Ungewissheit über ihre Zukunft erleben, was zu psychischen Problemen, Depressionen, Ängsten und einem geringen Selbstwertgefühl führt.
"Kinderarmut wirkt sich auf die Fähigkeit der Kinder aus, ihre Kindheit zu genießen und ihre Ziele zu erreichen.“ (CPAG)
Traum vom Eigenheim
Mit dem Anstieg der Lebenshaltungskosten wird es für die Menschen immer schwieriger, sich ein Haus zu leisten. Nur noch 6% der Deutschen überlegen, sich ein Haus oder eine Eigentumswohnung zukaufen. Halb so viele wie noch vor 10 Jahren.
Immer mehr Menschen in ihren 30er, 40er und 50er Jahren entscheiden sich deshalb für das Mieten. Das Leben in Wohngemeinschaften ist lange nicht mehr nur unter jungen Studierenden die bevorzugte Art zu wohnen. Während Wohneigentum für viele unerreichbar ist, spüren auch die Mieter*innen den Druck. Im Zuge der Energiekrise bangen viele Familien um die Höhe der drohenden Nachzahlungen. Für viele Familien ist die eigene Finanzkraft bereits ausgereizt, hohe Nachzahlungen könnten der letzte Schubs in die Wohnungslosigkeit bedeuten.
Ein Dach über dem Kopf zu haben, ist nicht mehr selbstverständlich. Ein Bericht der Bundesregierung zeigt, dass in Deutschland derzeit 263.000 Menschen wohnungslos sind, 40.000 von ihnen Leben auf der Straße.
Ruhestand
Immer mehr Deutsche fürchten um ihre finanzielle Sicherheit im Ruhestand. Aktuell halten die Renten noch überwiegend mit der Inflation mit, doch gerade jüngere Menschen sehen ihre eigenen Aussichten auf einen sicheren Ruhestand kritisch. Private Vorsorgepläne werden zunehmend beliebter.
Die Zahl der berufstätigen Renter*innen nimmt ebenfalls zu. Unter den erwerbstätigen im Rentenalter geben ganze 43% an, auf den zusätzlichen Verdienst angewiesen zu sein. Die Rente alleine reicht nicht immer für einen bequemen Lebensabend.
Zwischen den Generationen verhärten sich die Fronten. Ältere Generationen sehen die Ansprüche der jüngeren Arbeitnehmer*innen Generationen als unrealistisch und verurteilen mangelnden Arbeitswillen. Jüngere Generationen hingegen fordern mehr Verständnis von vorherigen Generationen, die zu wirtschaftlich stabileren Zeiten ihre Lebensvorstellungen gestalten konnten. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine generationenübergreifende Belegschaft von Vorteil ist, da ältere Menschen oft über unschätzbares institutionelles Wissen und Erfahrungen verfügen, die sie an jüngere Kollegen*innen weitergeben können. Jüngere Menschen, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, sind stärker mit Digitalisierung und Innovation konfrontiert und stehen daher neuen Technologien und agilen Arbeitsweisen offener gegenüber.
Hoffnung in Krisenzeiten
Es besteht kein Zweifel, dass die steigenden Lebenshaltungskosten weitreichende soziale und emotionale Auswirkungen haben, die weit über die wirtschaftlichen Faktoren hinausgehen. Im Laufe der Geschichte hat es jedoch immer eine enge Beziehung zwischen Störungen und Chancen gegeben. Schon jetzt erleben wir eine Zunahme von Kostensenkungsmaßnahmen, neuen Geschäftsmöglichkeiten, technologischen Fortschritten und sozialer Zusammenarbeit. In schwierigen Zeiten sind unsere Fähigkeit zur Problemlösung, unsere Kreativität und unser Potenzial, sich andere Wege vorzustellen, von unschätzbarem Wert. Vielleicht sollten Meilensteine nicht in Stein gemeißelt sein.
Schließlich kann der Blick über den Tellerrand der traditionellen gesellschaftlichen Erwartungen hinaus zu Innovationen führen - und Innovationen entfachen das Feuer der Hoffnung.
Und wir alle brauchen Hoffnung.